Der Tod ist mein Beruf: Unterschied zwischen den Versionen
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Nach seiner Entlassung wird Rudolf auf ein Gut des Baron von Jeseritz in Pommern versetzt. Nach einem halben Jahr bekommt Rudolf von Jeseritz das Angebot, einen alten, zerfallenen Gutshof in der Nähe zu renovieren. Unter den weiteren Gutsangestellten ist die Ambition Jeseritz', einen neuen Nachfolger für das zerfallene Gut zu finden, bereits bekannt. Die Suche gestallte sich nicht ohne Grund schwierig, denn das umliegende Land ist sumpfig und schwer zu bewirtschaften. Rudolf entscheidet sich dennoch, das Angebot anzunehmen und schafft es, das Gut über einen Zeitraum von gut drei Jahren wieder herzurichten. Während dieser Zeit leben er und zwei weitere Gutsangestellte, die Jeseritz ihm zur Verfügung gestellt hat, unter widrigsten Bedingungen. | |||
Nach der Fertigstellung soll und will Rudolf das Gut übernehmen. Jeseritz stellt jedoch die Bedingung, dass Rudolf heiraten muss. Zwischen den Beiden entfacht ein heftiger Streit. Rudolf will nicht heiraten; er selbst beschreibt sich als ('''Zitat'''): "''nun mal nicht sittlich.''" Jeseritz hat hingegen schon eine Frau für ihn ausgesucht, Elsie Brücker, und kann den Widerstand Rudolfs nicht nachvollziehen. Jeseritz fasst seinen Standpunkt noch einmal zusammen und befiehlt Rudolf praktisch die Heirat ('''Zitat'''): "''Nein, worauf es ankommt, ist die Rasse. Ihr seid alle beide gute Deutsche und werdet gute Deutsche zeugen; drauf kommt es an!''" Trotz des unablässigen Widerstandes Rudolfs, ('''Zitat'''): "''Wirklich, Herr Oberst [Jeseritz], ich möchte nicht heiraten.''", lässt Jeseritz Elsie bitten. Die beiden begrüßen sich recht stumpf; vor allem Rudolf ist eher verlegen. | |||
* '''Charakter:''' Die Abneigung Rudolfs gegenüber Beziehungen mit Frauen zeigte sich bereits mit seinem ehemaligen Kameraden Schrader. | |||
== Literatur == | == Literatur == | ||
Merle, R. (2011) ''Der Tod ist mein Beruf.'' Aufbau Verlag. ISBN: 978-3-7466-2786-1<ref>https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/der-tod-ist-mein-beruf/978-3-7466-2786-1</ref> | Merle, R. (2011) ''Der Tod ist mein Beruf.'' Aufbau Verlag. ISBN: 978-3-7466-2786-1<ref>https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/der-tod-ist-mein-beruf/978-3-7466-2786-1</ref> | ||
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Version vom 14. Februar 2026, 19:20 Uhr
Kapitel
1913
Figuren
- Rudolf Lang (Protagonist, 13 Jahre alt)
- sein Vater (Oberst beim Militär)
- seine Mutter Martha
- seine Schwestern Gerda und Bertha
- die Hausmädchen Maria
- sein Onkel Franz Lang
- sein Schulfreund Hans Werner
- Pater Thaler
Inhalt
- Vorstellung des Protagonisten Rudolf Lang, 13 Jahre alt, und seiner Kindheit
- Prägung durch seinen stark konservativen und katholischen Vater, der einen schroffen, befehlenden Umgangston pflegt. Rudolf sträubt sich davor, das Arbeitszimmer seines Vaters zu betreten. Tut er es doch, so steht er stets militärisch stramm. Die Dialoge mit dem Vater sind weitestgehend einseitig. Rudolf bejaht oder verneint nur. Sein Vater informiert Rudolf über den Zukunftsplan für ihn: er solle Pastor werden. Als Grund nennt der Vater ein Ereignis in Paris, auf das er nicht weiter eingeht. Er sei "krank" gewesen.
- Vermutung: Der Vater ist selbst Militär. Auch wenn er in seiner erzieherischen Rolle sehr autoritär auftritt, könnte dieses Ereignis in Paris ihn dazu veranlasst haben, keine militärische Karriere für seinen Sohn zu wollen. Als Geistlicher hätte Rudolf gute Chancen haben können, in einem möglichen Krieg recht unbeschadet davon zu kommen. Die Bedeutung dieses Ereignisses in Paris bleibt vorerst ungeklärt, sein Onkel Franz scheint jedoch mitwissend zu sein.
- Charakter: Durch den autoritären Erziehungsstil lernt Rudolf nicht, eigenständig und kritisch zu Denken - er wurde zum Gehorsam erzogen. Er ist stets auf die von seinem Vater vorgegebenen Befehle und Routinen angewiesen. Als sein Vater später stirbt (acht Tage vor Kriegsbeginn 1914), zeigt er anfänglich Anzeichen von Angstzuständen, wenn seine bekannten Routinen unterbrochen werden. Rudolf geht jedoch schnell dazu über, diese Routinen (vor allem regelmäßiges Messegänge, wie sein Vater) proaktiv in seinem Alltag zu verantworten, auch gegenüber seiner Mutter, die sich nach des Vaters Tod für eine liberalere Erziehung und Entwicklung ausspricht.
- Rudolf erhält kaum Zuneigung in seiner Familie. Verdeutlich wird dieser Umstand durch das wiederkehrende Motiv des zugekehrten Rückens zu Beginn des Kapitels. Seine Versuche, Blickkontakt aufzubauen (vor allem zu seiner Mutter), werden fast nie erwidert.
- Charakter: Rudolf lernt schnell, eigenständig zu sein. Seinen Mitmenschen kann er nicht vertrauen.
- Emotionale Bezugsperson für Rudolf ist (noch am ehesten) das Hausmädchen Maria. Zumindest ist sie ihm sympathisch. Nach einem Vorfall in der Schule mit seinem Schulfreund Hans Werner, bei dem dieser sich ein Bein bricht, ist Rudolf selbst für zwei Tage krank. Während dieser Zeit verlässt Maria den Haushalt. Rudolf fühlt sich verletzt, denn in seiner Familie ist er nun endgültig allein.
- Charakter: Das Hausmädchen Maria ist hier durchaus symbolisch als die Jungfrau Maria zu verstehen. Ihr Fortgehen besiegelt auch die Absage Rudolfs an den Glauben. Zitat: "Auch Maria hatte mich im Stich gelassen." Vor allem dem Schulpastor Thaler, dem er sich nach dem Vorfall in der Schule anvertraute, misstraut er fortan, da er glaubt, Thaler habe ihn hintergangen. Auch als sich dieser Vorwurf als nichtig erweist, weicht Rudolf nicht von seiner Ablehnung ihm gegenüber zurück.
- Nach der Verkündung des Ausbruchs des ersten Weltkrieges (anfänglich der Krieg gegen Frankreich) entwickelt Rudolf ein starkes Feindbild gegenüber den Franzosen. Über ein Bildnis des Teufels, dass der Vater im Korridor vor der Wohnung aufhing, heißt es: "[Ich] strich das Wort unter der Zeichnung: >Der Teufel< aus und schrieb darunter: >Der Franzose.<"
Das Kapitel stellt die frühe und vor allem deshalb entscheidende Prägung Rudolfs vor: sein Vater. Lange Zeit in seinem Schatten aufwachsend, verängstigt durch seine bestimmende Erziehung, ergreift Rudolf doch die Absicht, wie sein Vater leben und vor allem kämpfen zu wollen.
1916
Figuren
- Rudolf Lang (14 bis 16 Jahre alt)
- Rittmeister Günther
- Kamerad Schmitz
- Kamerad Becker
- Vera, Schwester im Lazarett bei Damaskus
- Doktor Vogel, Hausarzt von Rudolf und guter Freund seines Vaters
- Suleiman, türkischer Dolmetscher
- Weitere
Inhalte
Rudolf lernt im örtlichen Lazarett, indem er täglich für ein paar Stunden arbeiten geht, den Rittmeister Günther kennen. Für ihn soll er Briefe niederschreiben und einfache Arbeiten erledigen, da der Rittmeister Günther aufgrund einer Handverletzung beeinträchtigt ist. Rudolf erkennt in Günthers Lächeln seinen Onkel Fritz wieder. Als Rittmeister Günther damit beauftragt wird, ein Dragonerregiment (Dragoner = berittener Soldat) zusammenzustellen, bittet er Rudolf Teil dieses zu werden. Rudolf begreift dieses Angebot als Chance, endlich in das Militär eintreten zu können und nimmt es prompt an. Rudolf ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre und acht Monate alt.
- Charakter: Rittmeister Günther scheint für Rudolf zu einer Art besseren Ersatzvaters zu werden. Er erfüllt für Rudolf die führende Vaterrolle. Anders als sein verstorbener Vater kümmert Günther sich um das Wohlergehen Rudolfs und hört ihn an, wodurch dieser sich gesehen fühlt. Günther charakterisiert Rudolf direkt als ruhig, pflichtbewusst, klug, gebildet, gründlich. Von ihm übernimmt Rudolf ebenfalls das wichtige Leitmotiv: "Meine Kirche heißt Deutschland." An die Stelle des Glaubens, die Rudolf bis dato in seiner Kindheit geprägt hatte, schritt nun sein (militärisches) Pflichtbewusstsein gegenüber Deutschland.
Im streng durchgetakteten Kasernenalltag blüht Rudolf auf. Mit seinem Dragonerregiment 23 unter Rittmeister Günther wird Rudolf in den Nahen Osten verlegt, wo er an der Seite Türkischer Truppen im Irak kämpfen soll. Während eines Kampfes gegen Englische Truppen kommt es zu einer Schlüsselscene: ein Unteroffizier weißt Rudolf und seinen Kameraden Schmitz und Becker an einem Maschinengewähr ein. Nach kurzen Schusswechseln werden Becker und der Unteroffizier von einer Granate getroffen und sterben sofort. Schmitz redet auf Rudolf ein, zum Lager zurückzukehren, doch Rudolf hält eisern an seinem Befehl fest, Stellung zu wahren. Als Schmitz vorschlägt, alleine zurückzugehen, bedroht Rudolf ihn sogar mit seinem Karabiner. Beide begeben sich zurück an das Maschinengewehr, doch als Schmitz nach weiteren Schusswechseln unerwartet aus der Deckung springt, wird auch er erschossen. Rudolf ist nun allein, positioniert sich mit dem Maschinengewehr neu und schießt mehrere Reihen von Hindus nieder, bis er selbst an der Schulter getroffen wird. Auf dem Rückweg zum Lager macht er noch einmal halt, um eine Gruppe von Hindureitern "niederzumähen".
- Charakter: Die Gefechtssituation zeigt nun einmal an einem konkreten Beispiel die brutale Konsequenz, die Rudolf an den Tag legt. Gegenüber seinem Kameraden lässt er keine Empathie aufkommen. Als er alleine kämpft, ist er sogar glücklich. Zitat: "Ich fühlte mich allein, das Maschinengewehr glänzte zwischen meinen Beinen, und ein Gefühl der Befriedigung überkam mich."
Nach einer Zeit der Genesung erkrankt Rudolf an Malaria und kommt in ein Lazarett bei Damaskus, wo er die Schwester/ Pflegerin Vera kennenlernt. Rudolf wird wiederkehrend von starken Fieberträumen heimgesucht, in denen er vage von dem Unfall in der Schule mit seinem Schulfreund Hans Werner erzählt. (Mehr um Seite 52 im Buch.) Rudolf erfährt weiterhin durch einen Brief des Doktors Vogel, dass seine Mutter gestorben und Vogel nun sein neuer Vormund sei. Seine beiden Schwestern Bertha und Gerda wohnen nun bei bei ihrer Tante, der Frau von Franz Lang.
- Kontext: Rudolf versteht das Schreiben Vogels als indirekte Unterstellung, er sei mit seiner Flucht an die Front teilweise für das Ableben seiner Mutter verantwortlich gewesen. Diese Schuldzuweisung lässt Rudolf kalt. Er wendet sich lieber der Zeitung zu und ließt über den aktuellen Stand des Krieges.
Nach seiner Genesung kehrt Rudolf, nun in der dritten Kavallerie-Division unter türkischer Führung, an die Front zurück. Dort soll er helfen einen Ort, der kurz zuvor von den Engländern erobert wurde, zurückzugewinnen. Nach einem erfolgreichen, aber zermürbenden Kampf, erblickt Rudolf eines Morgens eine Menge ("etwa vierzig") Araber, die erhängt wurden. Es seien, so der Dolmetscher Suleiman, die Aufrührer, die den Ort zuvor den Engländern auslieferten.
- Charakter: Rudolf wurde mit seinen nun 16 Jahren schon einige Male mit dem Tod konfrontiert. Dabei blieb er stets ruhig und emotional kalt. Der Anblick der gehängten Araber löst in ihm jedoch erstmals ein Gefühl des Unbehagens aus. Zitat: "Ich hatte schon viele Tote gesehen, seitdem ich in der Türkei war, aber diese Gehängten machten auf mich einen seltsamen, unangenehmen Eindruck." (Diese Wortwahl ist im Vergleich zur sonstigen ultrasachlichen Ausdrucksweise Rudolfs regelrecht emotional.)
Rudolf wird nun beauftragt, mit einem Teil der Kavallerie-Division eine Strafexpedition gegen ein arabisches Dorf auszuführen. Nach einer Verwechslung gelangt der Trupp an dem Dorf an und umstellt es wie befohlen. Von dem Dorf dringt immer wieder Hundegebell und Geschrei. Als ein kleiner Junge mit einer Wunde am Hals aus dem Dorf und auf die Truppe zuläuft, springt ein Kamerad vom Pferd und eilt ihm zur Hilfe. Rudolf weist ihn zurecht, warum er ohne Befehl absattle und droht ihm Sanktionen an.
- Kontext: Der Kamerad begründet sein Verhalten damit, sich an seinen eigenen Sohn im gleichen Alter erinnert gefühlt zu haben. Nach dieser Äußerung löscht der Trupp reihenweise seine Zigaretten. Rudolf realisiert, dass sein autoritäres Verhalten von seinen Kameraden nicht gutgeheißen wird. Zitat: "Und ich begriff, dass meine Leute mich hassten."
- Charakter: Rudolf beginnt fortwährend, den ihm vertrauten, befehlenden und rücksichtslosen Umgangston auf seine Kameraden und Mitmenschen anzuwenden. Trotz passiven Wiederstandes sieht Rudolf es nicht für nötig, sich zu korrigieren. Zumindest von der angekündigten Strafe ist aber nicht weiter die Rede.
Ausgehend von dem türkischen Dolmetscher Suleiman erfährt Rudolf das erste Mal explizite Fremdenfeindlichkeit. Suleiman vermittelt (Zitat): "In der Türkei ist kein Platz für Araber und Türken" und "Das Richtige wäre, sie alle aufzuhängen. [...] Alle Araber." Er verknüpft weiter das Arabisch sein kausal mit Schuld und Grausamkeit (als Beispiel dient u.a. der kleine verletze Junge, der aus dem Dorf floh).
- Fazit: Rudolf lernt hier (wieder) das Prinzip der Entmenschlichung des Gegners kennen (Ähnlichkeit zum ersten Kapitel und der Rolle der Franzosen), die als Legitimationsgrundlage für die Auslöschung dieser dient.
1918
Figuren
- Rudolf Lang
- ehem. Kamerad Schrader
- Frau des Onkel Franz Lang
- Doktor Vogel
- Karl, Monteur in der Schrankfabrik
- Frau Lippmann, Wirtin und Vermieterin von Schrader und Rudolf
- Weitere
Inhalte
Nach der Kapitulation des deutschen Kaiserreiches in der Türkei und der Heimkehr nach Deutschland ist Rudolf vorerst plan- und arbeitslos. Während einer Zugfahrt trifft er unerwartet auf seinen ehemaligen Kameraden Schrader, mit dem er zurück in seine Heimatstadt fährt. Dort angekommen besucht er zuerst die Wohnung seines Onkels Franz Lang. Seine Tante, die Frau von Franz Lang, öffnet ihm und stellt Rudolf seine beiden Schwestern vor. Die vier unterhalten sich kaum. Rudolf erfährt, dass sein Onkel Franz in Frankreich gefallen ist. Nachdem er sich nach längerem Schweigen nach der Todesursache erkundigt, reagiert seine Tante abweisend. Rudolf verlässt daraufhin die Wohnung und geht zu Schrader, der ihm angeboten hatte, mit ihm in seinem gemieteten Zimmer zu wohnen.
- Charakter: Rudolf verspürt den Druck, sich nach seiner verstorbenen Mutter zu erkunden. Doch stattdessen fragt er nach seinem Onkel Franz. Die (lieb-)lose Beziehung zu seiner Mutter zeigt sich erneut bestätigt. Rudolf selbst empfindet sich im Kontext seiner Familie eher als Belastung. Nachdem er sich von seiner Tante und seinen Schwestern verabschiedete, sagt er über sie: "Tante würde sich ein paar Tränen abwischen, und alle drei würden zusammen glücklich sein."
Rudolf lässt sich auch bei seinem neuen Vormund Doktor Vogel blicken, der noch einmal versucht ganz im Sinne des Willens von Rudolfs Vater auf ihn einzureden. Rudolf bekräftigt ihm gegenüber sein Bestreben nach einer militärischen Laufbahn.
- Charakter: Auch wenn Vogel deutlich verständnisvoller auf Rudolf reagiert, als es sein Vater getan hätte, projiziert Rudolf seinen väterlichen Hass auf Vogel, der nun als Vollstrecker des Willens seines Vater auftritt. Gegen Ende des Gesprächs denkt Rudolf über ihn (Zitat): "Ich betrachtete sein schönes, gefühlloses Gesicht und fing an, ihn aus Leibeskräften zu hassen."
Schrader findet für Rudolf und ihn eine Anstellung in einer Fabrik, in der Schränke hergestellt werden. Rudolf soll die Schranktüren für die Montage vorbereiten. Nachdem der Meister Rudolf befiehlt, zwei Türen auf einmal zu tragen, gerät sein Nacharbeiter, der Monteur Karl, in Verzug. Karl bittet Rudolf am Ende der Schicht etwas langsamer zu arbeiten, damit er nicht gefeuert werde, weil er zu langsam arbeite. Rudolf spricht auch mit Schrader über den Vorfall. Schrader legt ihm nahe, der Bitte Karls nachzukommen. Rudolf legt für sich fest, nicht auf Karl und Schrader zu hören, sondern der Anweisung des Meisters zu folgen.
- Charakter: Für Rudolf hat die Befehlstreue eindeutig einen höheren Wert, als die Kameradschaft mit seinen Kollegen. Über die prekäre Situation, in die er Karl bringt, sagt er (Zitat): "Für mich ist die Sache klar. Man stellt mir eine Aufgabe, und meine Pflicht ist es, sie gut und gründlich auszuführen."
- Motiv: Der Gründlichkeitsgedanke, den Rittmeister Günther bereits als positive Eigenschaft hervorhob, wird erneut als grundlegender Charakterzug Rudolfs deutlich.
Am nächsten Arbeitstag geht Rudolf seinem Entschluss nach (Zitat): "Nach ein paar Minuten löste sich etwas in mir, und ich fing an, blindlings, mit der Perfektion einer Maschine, draufloszuarbeiten." Karl gelangt, wie erwartet, in Verzug und wird vom Meister zurecht gewiesen. Während der Mittagspause herrscht in der Kantine eine angespannte Stimmung. Ein weiterer Fabrikarbeiter setzt sich zu Rudolf und Schrader und bittet erneut eindringlich um die Einhaltung Karls Bitte. Rudolf schüttet ihm seinen Becher Tee ins Gesicht, woraufhin ein kurzer Faustkampf zwischen dem Fabrikarbeiter, sowie Rudolf und Schrader entbricht. Nach der Mittagspause kommt es zum Streik der restlichen Fabrikarbeiter, die die unmittelbare Entlassung von Rudolf und Schrader fordern, zu der es auch sogleich kommt.
- Charakter: Während der Eskalation in der Kantine kommt es zum Bruch der Erzählperspektive. Rudolf erzählt über sein eigenes Tun in der dritten Person. Ähnliches Verhalten trat bereits in einigen Situationen mit seinem Vater auf. In Stresssituationen scheint Rudolf die Wahrnehmung für die Realität zu verlieren und macht so einen depersonalisierten Eindruck.
Frau Lippmann, die Vermieterin von Schrader und Rudolf, droht den beiden nach ihrem Rauswurf mit der Kündigung des Zimmers, falls sie zeitnah keine neue Anstellung finden. Die Beiden kommen ihr jedoch zuvor, indem sie sich einem Freikorps anschließen. Bei der Abfahrt mit dem Zug sagt Rudolf über sich (Zitat): "Ich betrachtete meine Uniform und hatte das Gefühl, daß ich wieder zu leben anfing." Als "Baltikumer" kämpfen Rudolf und Schrader gegen bolschewistische Truppen an der Grenze Ostpreußens und im Baltikum. Auch nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages (den Rudolf "Diktat von Versailles" nennt) kämpfen die "Baltikumer" weiter und bezeichnen sich selbst als (Zitat): "[...] die letzten deutschen Männer, die am Feind geblieben sind.". In Litauen veranstalteten sie Plünderungen und regelrechte Gewaltexzesse. Während eines blutigen Gefechtes, die "Baltikumer" müssen sich langsam zurückziehen, stirbt Schrader. Rudolf denkt zwar häufig an ihn, leide aber kaum unter seinem Tod.
Zurück in Deutschland (bzw. der Weimarer Republik) wird Rudolf ins Ruhrgebiet geschickt, wo er dabei helfen soll, den Arbeiterstreik und die entstandene Aufruhr zu unterdrücken. Den Straßenkampf gegen Spartakisten empfindet Rudolf als Belohnung.
- Charakter: Rudolf entwickelt schnell ein neues, klares Feindbild. Alles, was rot oder links scheint, schießt er nieder. Die Spartakisten werden als von der "jüdischen Propaganda" beeinflusst dargestellt. Juden werden somit die eigentliche Schuld als angebliche Strippenzieher zugeschoben.
In Düsseldorf soll Rudolf eine Arbeiterkolonne bewachen, in der er einen ehemaligen Kameraden aus dem Militär wieder trifft. Als dieser eines Tages versucht, von der Kolonne zu fliehen, schießt Rudolf ihn an. Zitat: "Ohne anzulegen, schoß ich aus weniger als einem Meter Entfernung noch einmal, ich zielte auf den Kopf, die Kugel schlug auf den Bürgersteig. [...] Schließlich setzte ich die Mündung der Waffe an seinen Verband [am Kopf], sagte leise: 'Verzeihung, Kamerad!' und drückte ab."
Nach der Auflösung der Freikorps kehrt Rudolf zurück in seine Heimatstadt und zu Frau Lippmann. Über den Tod Schraders ist sie bestürzt und über den Zustand Deutschland sagt sie (Zitat): "Deutschland sei kaputt, alles wäre kaputt, auch die Religion wäre kaputt, es gäbe keine Moral mehr, und die Mark sei nichts mehr wert." Ihre Emotionen versucht sie mit (oder an) Rudolf auszulassen, indem sie sich teils sexuell, teils gewalttätig mit ihm "ringt". Nach einem Gewaltausbruch packt Rudolf seine Sachen und verlässt die Stadt nach M.
1922
Figuren
- Rudolf Lang
- Siebert, sein Arbeitskollege
- Weitere Arbeitskollegen und der Meister
- Mehrere junge Braunhemden
- Obersturmführer der SA
- Walter Kadow, dt. Volksschullehrer und Mitglied der DVFP
- Doktor Vogel (per Brief)
- Gefängnisanwärter und Direktor
- Weitere
Inhalte
In M. angekommen, findet Rudolf nur schwer Anschluss. Er hat verschiedene, unterbezahlte Jobs und landet schlussendlich auf eine Brückenbaustelle, wo er körperlich schwer Arbeiten muss. Rudolf wird unter diesen Umständen häufiger von Schwächeanfällen geplagt, bei denen er teilweise das Bewusstsein verliert. Sein Arbeitskollege Sieber kommt ihm zur Hilfe und gibt ihm etwas zu essen.
- Charakter: Rudolf gerät nun einmal selbst in die Lage, unter hoher Anstrengung regelrecht ausgebeutet zu werden. Über seine Situation zu Beginn auf der Baustelle sagt er (Zitat): "Ich hatte das scheußliche Gefühl, in ein Räderwerk geraten zu sein."
Als Rudolf wegen eines Schwächeanfalls nicht mehr aufstehen kann, sorgt Siebert absichtlich für eine Störung, damit der Meister nicht auf Rudolf aufmerksam wird. Nach dem erfolgreiche Ablenkungsmanöver sagt Rudolf dann: "Ich sagte schroff: >>Das war unrecht von dir.<<"
- Charakter: Rudolfs Situation ist vergleichbar mit der von Karl, dem Monteur aus der Schrankfabrik. In seiner prekären Situation ist er auf die Hilfe seiner Freunde bzw. Arbeitskollegen angewiesen. Rudolf zeigt sich konsequent: die ihm entgegengebrachte Hilfe verurteilt er und auch Karl hatte er nicht geholfen.
Nach weiteren Schwächeanfällen auf der Arbeit wird Rudolf suizidal und beschließt, sich selbst umzubringen. Er nutzt seinen Lohn um noch einmal für seine Verhältnisse üppig essen zu können. Als er bereits seinen Revolver bereit gelegt hat, klopft Siebert an der Tür. Siebert ist verwundert über die Tatsache, dass Rudolf all seine Schulden auf einmal zurückzahlte und will nach ihm sehen. Er weist Rudolf zurecht und ist erschüttert über Rudolfs fehlende Vaterlandstreue. Zitat: "Und was wird aus Deutschland?" Rudolf erwidert: "Deutschland ist futsch." Nach einem heftigen Wortgefecht, vor allem seitens Sieberts (Zitat: "Nur ein Schweinehund von einem Juden kann sagen, daß es futsch ist.") und mehreren Backpfeifen, zeigt Siebert Rudolf einen Artikel aus der Zeitung Völkischer Beobachter den Rudolf laut vorlesen soll (Auszug Seite 98 im Buch). Er versteht den Artikel als regelrecht für ihn geschrieben.
- Charakter: Nach dem Vorfall mit Sieber fühlt sich Rudolf sinnbildlich wiedergeboren. Im Völkischen Beobachter sieht er eine Karikatur, Zitat: "Sie stellte den internationalen Juden dar, der dabei war, Deutschland zu erwürgen." Rudolf erkennt den Juden als seinen Urfeind. Zitat: "Der Instinkt meiner Kindheit hatte mich nicht getäuscht. [...] Der Teufel war nicht der Teufel, der Teufel war der Jude." Das Wetter rundet die Situation und Rudolfs neu gewonnen Hass ab, Zitat: "Rechts von mir ging die Sonne in einer Orgie von Blut unter."
- → Vergleich mit dem ersten Kapitel: Bild des Teufels, unter das Rudolf "Der Franzose" schrieb. Welchen Instinkt Rudolf genau meint, bleibt dadurch etwas unschlüssig.
Rudolf tritt daraufhin der Partei, sprich der NSDAP, bei und wird von dem anwesenden Obersturmführer sogleich zum SA-Anwärter gemacht.
- Charakter: Der Beitritt in die NSDAP verleiht Rudolf wieder das Gefühl der gesellschaftlichen Teilhabe, das er lange vermisste. Als sich der Obersturmführer, Rudolf und die weiteren in der Geschäftsstelle anwesenden jungen Parteimitglieder bzw. Braunhemden mit dem Hitlergruß verabschieden, empfindet Rudolf (Zitat) "ein tiefes Gefühl des Friedens".
Während der Besetzung des Ruhrgebietes 1923 durch französische Truppen bleibt Rudolf auch nach förmlicher Bitte weiter in M. stationiert. Sein Dasein beschreibt er wie folgt (Zitat): "Wiederum hatte ich [...] das Gefühl, in einer friedlichen Garnison zu verschimmeln, während andere für mich kämpften." Rudolf erhält später den Auftrag, mit zwei weiteren Kameraden Walter Kadow zu ermorden. Sie richteten ihn bei P. mit roher Gewalt hin. Alle drei wurden schnell von der Polizei gefasst und zu zehn Jahren Haft verurteilt.
- Kontext: Der Mord an Kadow ereignete sich in Parchim, Mecklenburg.
Nach drei Jahren im Gefängnis erhält Rudolf unerwartet einen Brief von Doktor Vogel, der ihm anbietet, sich für eine Strafminderung und damit frühzeitige Entlassung Rudolfs einzusetzen. Vogel stellt jedoch die Bedingung, dass Rudolf (tiefe) Reue zeigen müsse. Da Rudolf nicht auf den Brief antwortet, wird er ein Dreivierteljahr später zum Direktor des Gefängnisses gebeten, da sich Doktor Vogel über die ausbleibende Antwort beschwert hatte. Der Direktor fragt Rudolf zu seinem Motiv aus. Rudolf gibt zu verstehen, dass er sich nicht verstellen wird, erst recht nicht für Doktor Vogel. Von seiner Ehrlichkeit überrascht, beschließt der Direktor, Rudolf trotzdem aufgrund guter Führung früher zu entlassen. (Rudolf wird schlussendlich nach fünf anstatt zehn Jahren entlassen.)
- Charakter: Im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten setzt Rudolf sich nun auch aktiv dafür ein, nicht auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein - mit mäßigem Erfolg.
1929
Figuren
- Rudolf Lang
- Baron von Jeseritz, Großgrundbesitzer
- Weitere Gutsangestellte
- Elsie Brücker, Rudolfs (vorbestimmte) Frau
- Heinrich Himmler
- Gruppe von Reitern, Miliz zu Rudolfs Befehl
- Weitere
Inhalte
Nach seiner Entlassung wird Rudolf auf ein Gut des Baron von Jeseritz in Pommern versetzt. Nach einem halben Jahr bekommt Rudolf von Jeseritz das Angebot, einen alten, zerfallenen Gutshof in der Nähe zu renovieren. Unter den weiteren Gutsangestellten ist die Ambition Jeseritz', einen neuen Nachfolger für das zerfallene Gut zu finden, bereits bekannt. Die Suche gestallte sich nicht ohne Grund schwierig, denn das umliegende Land ist sumpfig und schwer zu bewirtschaften. Rudolf entscheidet sich dennoch, das Angebot anzunehmen und schafft es, das Gut über einen Zeitraum von gut drei Jahren wieder herzurichten. Während dieser Zeit leben er und zwei weitere Gutsangestellte, die Jeseritz ihm zur Verfügung gestellt hat, unter widrigsten Bedingungen.
Nach der Fertigstellung soll und will Rudolf das Gut übernehmen. Jeseritz stellt jedoch die Bedingung, dass Rudolf heiraten muss. Zwischen den Beiden entfacht ein heftiger Streit. Rudolf will nicht heiraten; er selbst beschreibt sich als (Zitat): "nun mal nicht sittlich." Jeseritz hat hingegen schon eine Frau für ihn ausgesucht, Elsie Brücker, und kann den Widerstand Rudolfs nicht nachvollziehen. Jeseritz fasst seinen Standpunkt noch einmal zusammen und befiehlt Rudolf praktisch die Heirat (Zitat): "Nein, worauf es ankommt, ist die Rasse. Ihr seid alle beide gute Deutsche und werdet gute Deutsche zeugen; drauf kommt es an!" Trotz des unablässigen Widerstandes Rudolfs, (Zitat): "Wirklich, Herr Oberst [Jeseritz], ich möchte nicht heiraten.", lässt Jeseritz Elsie bitten. Die beiden begrüßen sich recht stumpf; vor allem Rudolf ist eher verlegen.
- Charakter: Die Abneigung Rudolfs gegenüber Beziehungen mit Frauen zeigte sich bereits mit seinem ehemaligen Kameraden Schrader.
Literatur
Merle, R. (2011) Der Tod ist mein Beruf. Aufbau Verlag. ISBN: 978-3-7466-2786-1[1]